➡️ Das Video unten mit dem Titel „Зикар Атаги 1“ zeigt die Ausübung eines traditionellen tschetschenischen Sufi-Rituals, des sogenannten Dschikr (bzw. Zikr, Zika), aufgenommen im Ort Staryje Atagi in Tschetschenien.
Ich finde es deshalb so interessant, weil es einen so ziemlich unbekannten Teil unserer europäischen Kultur [1] zeigt und wir kennen heute oft mehr Details der fernöstlichen Bräuche, als die aus der Nähe ... aus Osteuropa.
Des Weiteren ist es interessant, da in der Geschichtswissenschaft, Sprachwissenschaft und Archäologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts Theorien gab, welche die germanische Völker oder sogar den Ursprung germanischer/indogermanischer Gruppen im Kaukasusraum vermuteten.
Inhalt der Szene
Eine Gruppe von Männern bewegt sich in einem Kreis, tanzt und sagt rhythmisch Gebete sowie Gottesnamen auf. Oft ist es ein lautstarker, schon etwas "extatischer" Kreistanz, wie er in Tschetschenien bei Kunta-Hadschi-Sufi-Bruderschaften üblich ist, die hier vermutlich zu sehen ist.
Der Ablauf beginnt meist langsam und steigert sich im Verlauf zu einem sehr schnellen, synchronen Rhythmus mit Stampfen, Klatschen und Gesang.
Trancetänze und meditative Bewegungskulturen wie der Sufi-Dschikr und Tanzrituale in anderen Kulturen führen systematisch zu einer veränderten Bewusstseinslage und Wahrnehmung (siehe Ergänzung unten).
Aus Sicht der Ausübenden und der islamischen Religionswissenschaft handelt es sich nicht um einen Tanz, sondern um ein Gottesdienst- und Gebetsritual (Zikr bzw. Dschikr bedeutet wörtlich „Gedenken [Gottes]“), also das meditative Gedenken an Allah.
Populärkultur: In den letzten Jahren wurde der Ausschnitt aus diesem Video im Internet häufig als Meme zweckentfremdet und mit moderner Techno- oder EDM-Musik unterlegt (z. B. unter Titeln wie „Techno Zikr“ oder „Muslim Style Techno Dance“). Das Originalvideo zeigt jedoch ein echtes religiöses Ritual.
Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=AxSWVkPfVc8
Зикар Атаги 1; Kanal: ZIKR ILYASANZOR; 09.03.2015
Übrigens: man beachte hier im Video, dass keinerlei Musikinstrumente in Gebrauch sind.
Der kreisförmige Dhikr in Tschetschenien und Inguschetien geht auf die Lehren und das Wirken von Kunta Haddschi Kischijew im 19. Jahrhundert zurück – konkret auf die Zeit um 1850 bis 1860.
Historischer Hintergrund
Kunta Hadschi Kischijew trat Mitte des 19. Jahrhunderts während des Kaukasuskrieges als pazifistischer Prediger auf. Er war Anhänger der Qadiriyya-Sufi-Bruderschaft und führte diesen speziellen, hochdynamischen Dschikr (oft als Loud Dhikr oder tschetschenisch Laman Zikr bezeichnet) ein.
Durch das gemeinsame Schunkeln, Laufen im Kreis, Klatschen und rhythmesche Rufen sollte eine tiefe spirituelle Verbindung zu Gott hergestellt werden.
Verbot im Zarenreich (1864)
Nach der Festnahme und Verbanung von Kunta Hadschi im Jahr 1864 durch das Russische Kaiserreich wurde die Praxis verboten und im Untergrund weitergeführt.
Sowjetische Repression
Auch während der Sowjetzeit und insbesondere nach der Massendeportation der Tschetschenen und Inguschen unter Stalin (1944) blieb dieser Dschikr streng untersagt, überlebte jedoch im Geheimen als zentrales Element der kulturellen und religiösen Identität.
Wiederaufleben (seit den 1990er Jahren)
Seit dem Zerfall der Sowjetunion wird dieser rituelle Dschikr im Nordkaukasus wieder öffentlich, legal und in großen Gemeinschaften praktiziert.
Weitere Quellen und Hinweise
[1] Tschetschenien: Autonome Republik im Nordkaukasus (Russische Föderation). Geografisch liegt die Region an den Nordhängen des Kaukasus-Hauptkamms und zählt damit nach der gängigen innereuropäischen Grenzziehung (Kuma-Manytsch-Senke bzw. Kaukasuskamm) zum südöstlichen Europa, nicht zu Zentralasien.
[2] Quelle Video: https://www.youtube.com/watch?v=AxSWVkPfVc8
Bei mir archiviert unter: 2015-03-09-Зикар-Атаги-1-Tschetschenien-AxS.mp4
- [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Dhikr
- [4] https://de.wikipedia.org/wiki/Kunta_Haddschi_Kischijew
- [5] Aufmerksam auf diese Thematik wurde ich durch diesen Short, der mir Anfangs doch etwas sonderbar vorkam: https://www.youtube.com/shorts/m58LLsAS_xQ
[6] Text: Was gesungen wird (Gemini-Ki-Recherche)
Der Gesang besteht im Wesentlichen aus der ständigen Wiederholung des islamsichen Glaubensbekenntnisses (Schahāda) sowie weiteren Lobpreisungen Gottes auf Arabisch und Tschetschenisch.
Haupt-Chant (Glaubensbekenntnis):
لَا إِلٰهَ إِلَّا ٱللَّٰهُ
(Lā ilāha illā-llāh)
Bedeutung: Es gibt keinen Gott außer Gott (Allah).
Begleitende Lobpreisungen:
Allāhu Akbar (Gott ist der Größte)
Subhānam-Allāh (Gepriesen sei Gott)
Spezifische tschetschenische Lobpreis-Formeln und Invokationen, die von den Vorsängern (mushids) im Zentrum oder am Rand angestimmt und von den sich bewegenden Männern rhythmisch im Chor erwidert werden.
Ergänzung
Trancetänze und meditative Bewegungskulturen wie der Sufi-Dschikr führen systematisch zu einer veränderten Bewusstseinslage und Wahrnehmung.
Dieser Zustand wird durch eine Kombination aus rhythmischer Bewegung, Atemtechniken, akustischen Reizen und sozialer Synchronisation im Gehirn ausgelöst.
Neurologische und physiologische Auslöser
Hyperventilation und Sauerstoffverschiebung: Durch das anhaltende, oft sehr schnelle und gewollte Ausstoßen von Atemzügen verändert sich der Kohlendioxid- und Sauerstoffgehalt im Blut (Alkalose). Dies verringert kurzzeitig die Durchblutung bestimmter Hirnareale und erzeugt ein Gefühl von Leichtigkeit, Schwindel oder Losgelöstheit.
Rhythmische Entrainment-Effekte
Wenn Menschen sich über längere Zeit zu einem gleichbleibenden, sich beschleunigenden Rhythmus bewegen, passen sich die Gehirnwellen der Frequenz dieser Bewegung und Musik an. Das Gehirn schaltet von Alltags-Betawellen in Alpha- oder Thetawellen um, die auch bei tiefer Meditation oder im Traumzustand auftreten.
Endorphin- und Dopaminausschüttung
Die extreme körperliche Anstrengung über einen längeren Zeitraum setzt körpereigene Schmerzmittel (Endorphine) und Belohnungsstoffe (Dopamin) frei. Dadurch verfliegen Erschöpfungssignale des Körpers, und es stellt sich ein Zustand von Hochgefühl (Euphorie) ein.
Reduzierte Aktivität im Scheitellappen
Neurowissenschaftliche Studien an meditierenden oder in Trance befindlichen Personen zeigen eine verringerte Aktivität im Parietallappen (Scheitellappen). Dieses Areal ist für die Orientierung im Raum und die Abgrenzung des eigenen Körpers von der Umwelt zuständig. Lässt die Aktivität nach, schwindet das Gefühl für das individuelle Ich und die Grenzen zwischen Raum, Zeit und Person verschwimmen.
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Veränderungen in der Wahrnehmung; Ich-Auflösung (Transzendenz): Das eigene Ego tritt in den Hintergrund. Die Ausübenden erleben sich nicht mehr als isolierte Einzelpersonen, sondern als Teil eines großen Ganzen.
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Kollektive Effervenz
Durch die synchrone Bewegung mit vielen anderen Menschen entsteht ein starkes Gefühl der Verbundenheit. Das Erleben der Gruppe überlagert die Wahrnehmung des eigenen Körpers.
Verändertes Zeitgefühl
Das Zeitbewusstsein löst sich weitgehend auf; Minuten und Stunden werden nicht mehr linear wahrgenommen.
Fokus und Tunnelsicht
Reize von außen (wie Kälte, Müdigkeit oder Schmerz) werden vollständig ausgeblendet, während die Wahrnehmung extrem auf den inneren Zustand oder das Zentrum des Ritus verengt wird.
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In der Sufi-Mystik wird dieser Zustand nicht als bloßes körperliches Phänomen betrachtet, sondern als geistige Reinigung und Mittel zur Überwindung des Ego (Nafs), um eine direkte spirituelle Nähe zu Gott (Fana) zu erfahren.
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[TJ.33.17][
] Thomas Jacob 5.9.2026